Liebe Freunde,
Ein Bild von Victor Grossman ist mir unwiderruflich im Herzen geblieben. Auf der „Fiesta de Solidaridad“ in Berlin-Lichtenberg traf ich Victor vor zwei Jahren. Da war er bereits 95 Jahre alt. Es hatte zu regnen angefangen – in Strömen. Es war kein guter Unterstand weit und breit zu sehen. Victor bestand aber darauf, zu bleiben. Erst als sein Hemd schon völlig durchnässt war, konnten wir ihn überreden, sich von meinem Mann nach Hause fahren zu lassen.
Dieses Bild sagt viel über Victor. Victor war ein Kämpfer – durch und durch. Manche kämpfen in ihrer Jugend, manche im Berufsalter – manche aber ein Leben lang. Victor gehörte zu den Letzteren.
Letztes Jahr mussten ihn seine Kinder noch liebevoll davon abhalten, mit der Gaza-Flottille mitzufahren, um gegen das Unrecht an den Palästinensern zu protestieren. So tief saß in ihm der Wille, den Kampf nie aufzugeben. Und das sagt sich nicht einfach so dahin.
Nikolai Ostrowski hat es in seinem Buch „Wie der Stahl gehärtet wurde“ auf bewegende Weise formuliert:
Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht.
Victor hat sich diesen Kampf um die Befreiung der Menschheit zur Lebensaufgabe gemacht – und bereits als Kind seine Entscheidung getroffen. Mit acht Jahren sammelte er auf dem Times Square in New York Spenden für die Internationalen Brigaden, der Spanischen Republik, die sich dem Faschismus Francos und seinen Unterstützern Hitler und Mussolini entgegenstellten. Für Victor hatte der Zweite Weltkrieg 1936 mit dem Angriff der Franquisten begonnen. Erst der Sieg der Alliierten – vor allem der Sieg der Sowjetunion hier in Berlin – konnte diese Niederlage gegen den Faschismus revidieren.
Mit acht Jahren schien Victor seine Richtung bereits gefunden zu haben. Auf andere, ganz besonders junge Menschen zuzugehen, das war sein Leben. Es war deshalb selbstverständlich, dass Victor mit 90 Jahren eine lange Lesereise in die USA unternahm, um seine Analysen einer breiten Leserschaft vorzustellen und Menschen zu gewinnen, den Kampf um die Befreiung der Menschheit mitzugragen. Victors Entscheidung, diesen Kampf aufzunehmen, war unumstößlich. Und um ihn führen zu können, war er bereit, existentielle Schritte zu gehen, auch um seine Position in diesem Kampf zu verbessern.
Victor Grossman war Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Um der Verfolgung durch CIA und FBI während der McCarthy Zeit zu entkommen, desertierte er, in Bayern stationiert, aus der US-Armee. Am 12. August 1952 durchschwamm er bei Linz die Donau und floh von der US-Besatzungszone in die sowjetische Besatzungszone in Österreich.
Eine Entscheidung für das Leben – und eine Entscheidung für die Sowjetunion, die er, solange ich ihn kannte, niemals bereute. Aus Stephen Wechsler, so sein Name in den USA, wurde Victor Grossman in der DDR. Der Namenswechsel war mehr als Schutz für die Familie und sich selbst. Er war die neue, die kommunistische Identität – ein „nom de combat“, wie es auf Französisch so schön heißt, ein Kampfname. Wie viel Mut muss ein Mensch haben, um eine solche, einsame Entscheidung zu treffen? Sein erfolgreiches Leben, mit vielen Freunden, der geliebten amerikanischen Kunst, Kultur und Sprache und Familie, hinter sich lassen zu müssen, um sich der Vorladung des US-Militärgerichts zu entziehen und zugleich ein völlig neues, unbekanntes Leben zu beginnen?
Victor Grossman war ein Intellektueller. Er scherzte gern, dass er der Einzige sei, der sowohl einen Abschluss der berühmten Harvard-Universität in Cambridge als auch der Karl-Marx-Universität in Leipzig innehatte. Ein organischer Intellektueller, hätte Antonio Gramsci gesagt. Denn was ihn wirklich formte, war weniger die akademische Ausbildung, sondern die Jahre als ungelernter Arbeiter in Buffalo in New York. Ein Dutzend Genossen hatte der Zellenvorsitzende der KP in Harvard gefragt, ob sie nach dem Studium in die Produktion gehen würden. Drei von ihnen hatten sich bereiterklärt – darunter Victor Grossman. Buffalo war Victors Schule. Hier begriff er, was die Realität der Arbeiter in den USA wirklich bedeutete. Buffalo war der Ort, an dem er „viel lernte“, so seine eigene Aussage. Ein Ort der Ausbeutung, des Rassismus, der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen.
Die DDR sah Victor als Widerspruchsgesellschaft, in der große Errungenschaften – soziale Sicherheit, Antifaschismus, Frauenemanzipation und die Unterstützung antiimperialistischer Kämpfe – schweren Mängeln gegenüberstanden. Victor sprach offen von den verpassten Chancen in den siebziger und achtziger Jahren bei der Schaffung innerparteilicher Demokratie, der Krise der Planwirtschaft und einer Führung, die zunehmend den Bezug zur Realität verlor. Die Niederlage der DDR war für Victor auch eine persönliche Niederlage. Aber anders als viele andere war für ihn entscheidend, dass künftige Generationen aus dieser Niederlage lernen sollten – nicht nur aus den Mängeln, sondern gerade auch aus den Errungenschaften.
Victor – und das macht ihn so besonders – war nicht bereit, sich an die Ideologie der Sieger anzupassen. So stark war er. Victors Entscheidung für die Sowjetunion war zugleich eine klare Entscheidung gegen den US-Imperialismus. Victor wusste genau, wie die koloniale Unterdrückungsmaschinerie der USA durch Kriege und Interventionen im Globalen Süden funktionierte. Jemand wie US-Präsident Trump war für ihn keine Ausnahme, sondern brachte dieses System, das auf die gnadenlose Bereicherung einiger weniger ganz Reicher setzt, nur auf den Punkt. Zu diesem System einer global plündernden und mordenden US-Oligarchie musste es eine Alternative geben – muss es eine Antwort geben. Seine Solidarität galt den unterdrückten Völkern weltweit: Südafrika, Vietnam, Angola, Palästina. Klar gegen die Politik des imperialistischen Vorpostens im Nahen Osten, setzte Victor auf Frieden und Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Seine scharfsinnigen Analysen stellte er diesem Kampf um Befreiung zur Verfügung.
Oft hört man bei Verstorbenen, sie seien humorvoll gewesen – vielleicht auch, um den Tod etwas weniger endgültig erscheinen zu lassen. Humor ist ja, wie Walter Benjamin formuliert hatte, ein Act einer urteilslosen Vollstreckung, einer rechtsaussetzenden Gewalt. Victor liebte diese rechtsaussetzende Gewalt. Victor liebte jüdische Witze. Wie etwa den: Treffen sich zwei Juden im Zug. Sagt der eine zum anderen: „Ei.“ Sagt der andere: „Eieiei.“ Antwortet der erste: „Lass uns lieber nicht über Politik reden.“
Liebe Trauergemeinde, Victor und ich hatten ein besonderes Verhältnis. Für Victor war nicht wichtig, wo man herkam – schon gar nicht, wo die eigenen Eltern oder Großeltern herkamen, oder welcher Religion man angehörte oder welcher Religion die eigenen Eltern oder Großeltern angehörten. Das spielte für ihn einfach keine Rolle. Er wusste, dass dies immer nur Fragen waren, um jemanden auszuschließen und am Ende auch seine intellektuelle Redlichkeit in Zweifel zu ziehen. So hat Victor mein Herz erobert. Was einer denkt, wie einer handelt, wie er zu den Arbeitern steht, zu den einfachen Leuten – das war wichtig, nicht, worauf andere ihn festzulegen versuchten.
Der Kampf um Befreiung ist aber nicht nur ein Kampf um die Lebenden, sondern auch um die Toten. Das musste ich erkennen, als ich im Vorfeld dieser Rede einige der Nachrufe auf Victor Grossman gelesen habe. Unwillkürlich kam mir ein Zitat von Walter Benjamin in den Sinn: „Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“ Der Kampf für Befreiung ist auch ein Kampf gegen die Umdeutung des Erbes von Victor Grossman. Denn nur dann haben wir eine Chance, unsere Position im Kampf um Befreiung zu verbessern.
Leb wohl, lieber Victor.